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Vitos Rheingau vergibt Forschungsauftrag zum Kalmenhof-Krankenhaus

23.10.2017

Klärung offener Fragen zur „Kinderfachabteilung“ während der NS-Zeit erhofft

Vitos Rheingau hat zwei historisch versierte Forscher und Experten für die Geschichte des nationalsozialistischen Krankenmordes beauftragt, sich mit den offenen Fragen rund um die Idsteiner Immobilie Veitenmühlberg 9, das „Kalmenhof-Krankenhaus“, auseinanderzusetzen.

Damit setzt das Unternehmen einen einstimmigen Beschluss des Gremiums um, das auf Wunsch des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen Ende 2016 einberufen wurde, um über die Zukunft dieser Immobilie zu beraten.

In dem 1927 als Krankenhaus für die Heilerziehungsanstalt Kalmenhof errichteten Gebäude installierten die Nationalsozialisten eine sogenannte Kinderfachabteilung, in der zwischen 1939 und 1945 rund 500 Kinder mit Behinderungen ermordet wurden.

„Es hat länger gedauert, als wir erwartet haben, diesen Auftrag zu vergeben“, erklärt Servet Dag, Geschäftsführer von Vitos Rheingau. „Wir sind dem Leiter der Gedenkstätte Hadamar, Dr. Jan-Erik Schulte, außerordentlich dankbar, dass er uns mit dem Historiker Dr. Harald Jenner und dem Kulturwissenschaftler Christoph Schneider zwei ausgewiesene Experten empfehlen konnte, die sich dieses schwierigen Themas annehmen werden.“

Ziel sei es, durch die von den beiden Wissenschaftlern jetzt in Angriff genommene systematische Zusammenstellung aller eventuell noch in verschiedensten Archiven lagernden Daten gesicherte Erkenntnisse über einige nach wie vor ungeklärte Punkte zu erlangen. Insbesondere solle geklärt werden, ob damals auch jenseits des Gräberfeldes, das oberhalb des Krankenhauses liegt und zugleich Ort der Gedenkstätte des Kalmenhofs ist, Euthanasieopfer begraben wurden. „Und nach wie vor hoffen wir, dadurch eine belastbare Planungsgrundlage für eine zukünftige Nutzung zu bekommen. Denn niemand kann wollen, dass das Gebäude weiterhin leer steht und dadurch immer wieder durch Vandalismus beschädigt wird“, so der Geschäftsführer.

Der promovierte Historiker Dr. Harald Jenner ist Archivar diakonischer Einrichtungen, unter anderem betreut er seit über 30 Jahren das Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Von ihm stammen zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte diakonischer und staatlichen Anstalten, Krankenhäuser und Heime. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit bilden die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen. Christoph Schneider ist freier Autor. Der Kulturwissenschaftler forscht und publiziert seit vielen Jahren zum Thema NS-„Euthanasie", insbesondere auch zu den Formen des Umgangs mit dem Massenmord an psychisch kranken, geistig oder körperlich behinderten Menschen in der Nachkriegsgeschichte.

Die beiden Forscher gehen von einem Zeitraum von sechs bis acht Monaten für das Projekt aus.

Idsteiner Bürger, die Informationen zur Geschichte des „Kalmenhof-Krankenhauses“ beitragen können, sollten sich über die E-Mail-Adresse archiv(at)alsterdorf.de bei den beiden Forschern melden. Jeder Hinweis ist herzlich willkommen.

Hintergrundinfo
Im ehemaligen Krankenhausgebäude des Kalmenhofs am Veitenmühlberg wurden unter den Nationalsozialisten von 1939 bis 1945 rund 500 Kinder, überwiegend mit geistiger Behinderung, ermordet. Für die im Kalmenhof ermordeten oder von dort zur Tötung in die Gasmordanstalt Hadamar gebrachten Männer, Frauen und Kinder errichtete der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) in den 1980er Jahren hinter dem Krankenhausgebäude eine Gedenkstätte. Das Grundstück der Gedenkstätte ist und bleibt im Besitz des LWV.

Das ehemalige Krankenhausgebäude in Idstein wurde ab 1969 als erste kinder- und jugendpsychiatrische Klinik Hessens genutzt. Sie zog 1974 in einen Neubau auf dem Eichberggelände in Eltville um; eine Station blieb in Idstein vor Ort. Im Zuge der Umwandlung der Eigenbetriebe des Landeswohlfahrtsverbandes in gemeinnützige Gesellschaften mbH im Jahr 2007 wurde die Immobilie am Veitenmühlberg auf Vitos Rheingau übertragen. Kurze Zeit später zog die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlungseinheit in die Robert-Koch-Straße, wo sie sich ein Gebäude mit der Heliosklinik teilt. Das ehemalige Krankenhausgebäude steht seither leer und wurde bereits wiederholt durch Vandalismus beschädigt.