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Psychiatrischer Vortrag bei Vitos Rheingau „Psychiatrie in der Krise?“ - Referent Volkmar Aderhold zeigt Alternativen zum Ist-Zustand auf

28.02.2018

Im vollbesetzten Festsaal von Vitos Rheingau sprach Dr. Volkmar Aderhold von der Universität Greifswald über „Psychiatrie in der Krise?“ Den Schwächen des bestehenden Systems stellte er mit dem in Skandinavien entwickelten Konzept des „Offenen Dialogs“ ein alternatives Behandlungsmodell gegenüber.

Es basiert auf einer konsequenten Weiterentwicklung der in Deutschland bisher nur ansatzweise existierenden psychiatrischen Behandlung in der häuslichen Umgebung der Patienten. Das soziale Umfeld der Betroffenen wird in das Behandlungskonzept einbezogen.

Anstatt die Patienten in die Klinik einzuweisen, kommt die Klinik zu den Patienten; so ließe sich das Konzept auf den Punkt bringen. Im Unterschied zum Hausbesuch eines niedergelassenen Arztes kommt hier ein Team, bestehend aus Arzt, Pflegekraft. Sozialdienst und weiteren klinischen Fachkräften (z.B. Psycho- oder Kreativtherapeuten). Im Zentrum steht der Beziehungsaufbau und zwar nicht nur zum Patienten selbst, sondern auch zu seinem gesamten sozialen Umfeld. Das kann neben oder anstelle der Familie auch Freunde und Nachbarn umfassen.

„Unsere Rolle in diesen – im Konzept des Offenen Dialogs „Netzwerkgespräche“ genannten – Gesprächsrunden ist zunächst die der aktiven Zuhörer“, erklärt Volkmar Aderhold. „Es geht um den Aufbau von Vertrauen und um die Gestaltung einer Beziehung auf Augenhöhe. Alle beim Gespräch Anwesenden haben das Recht auf ihre Darstellung, wir als Zuhörende bewerten die teilweise durchaus voneinander abweichenden Erzählungen nicht. Auf diese Weise entsteht zwischen Klinikteam und Patient-Familien-Freundes-Netzwerk schnell eine Vertrauensbasis, die sich in der Regel positiv auf den Gesundheitszustand des Patienten auswirkt.“

In diesen „offenen Dialogen“ entwickelt das Team dann die Diagnostik und schlägt Behandlungsmöglichkeiten vor – die Entscheidung darüber, ob und was gemacht wird, bleibt aber beim Patienten.

„Wir werden den Offenen Dialog in unsere Arbeitsprozesse integrieren“, zeigt sich Ursula Geyer überzeugt. Sie ist die therapeutische Leiterin der begleitenden psychiatrischen Dienste (BPD) von Vitos Rheingau und hat Volkmar Aderhold auf den Eichberg eingeladen. „Grundsätzlich arbeiten wir bereits ähnlich, wir stellen in unserem Ansatz der sozialen Versorgung in den Bereichen Wohnen, Arbeit und Freizeit die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen ins Zentrum. Unser Ziel ist es jetzt, den skandinavischen Ansatz der Netzwerkgespräche in unserem Bereich zu konkretisieren.“

Die Zuhörerinnen und Zuhörer im Festsaal bei Vitos Rheingau hat Volkmar Aderhold überzeugt: sie belohnten seinen Vortrag mit viel Beifall und einer angeregten Diskussion, die sich in vielen Gruppengesprächen auch über das Vortragsende hinaus fortsetzte.